Rezensionen

Rezensionen zur CD "Flying Saxophone Circus"


So hat man Anton Dvoraks Slawischen Tanz Nr. 8 wahr scheinlich noch nicht gehört. Was klingt wie eine Mischung aus Kammerorchester und Zirkuskapelle, sind 12 der besten Saxophonisten Deutschlands, die unter dem Namen "Selmer Saxharmonic" auftreten. Unter der Leitung von Milan Turkovic spielt das buchstäblich "unerhörte" Ensemble auf seiner neuen CD nicht nur Stücke von Dvorak, sondern auch von Milhaud, Gershwin und Schostakowitsch. Dessen berühmte Jazz1Suite Nr. 2 scheint wie gemacht für den magischen Klang von 12 Saxophonen. Frischer Wind für die Ohren
Noch immer hat das Saxophon in der klassischen Musik mit Vorurteilen zu kämpfen. Im Jazz gehört das Holzblasinstrument zu den Basics, doch im normalen Sinfonieorchester ist das Saxophon nach wie vor ein Exot. Kein Wunder also, dass die Gruppe Selmer Saxharmonic aus der Not eine Tugend macht und ein eigenes Saxophon1Orchester gegründet hat. Instrumente aus allen Stimmlagen spielen hier zusammen, und das ergibt einen verblüffenden Sound, den man auf Anhieb nur schwer einordnen kann. Auch Darius Milhauds bekannte Suite "Scaramouche" klingt wie neu erfunden und bläst einen frischen Wind in die Ohren des Publikums. Beste Unterhaltung ohne Kompromisse "Flying Saxophone Circus" ist der Titel der neuen Platte von Selmer Saxharmonic, und wie im Zirkus kann man hier als Hörer das Staunen lernen. Das ist Bläserartistik auf allerhöchstem Niveau und beste Unterhaltung zwischen E und U ohne jede Kompromisse. Wer offene Ohren hat und sich gerne überraschen lässt, dem sei diese neue Platte wärmstens empfohlen. Ein Saxophon mal zwölf ist eine Rechnung, die aufgeht und auch das Hörvergnügen multipliziert

(Radio Bremen, CD_Tipp 15. Juni 2010 )


Dass das Saxophon ein ernstzunehmendes klassisches Instrument ist, spricht sich allmählich herum. Dass man aus den sechs Instrumenten der Saxophon1Familie (vom Sopranino bis zum Bass) aber ein richtiges "klassisches" Orchester formen kann, erstaunt dann doch. Zugegeben, Schostakowitschs zweite Jazz1Suite,  Dvořáks Slawische Tänze und Milhauds Scaramouche sind Werke, die nicht allzu tiefschürfend sind. Doch was die zwölf normalerweise  in kleineren Ensembles tätigen Saxophon1Profis unter Leitung von Milan Turković, den man vor allem als Harnoncourt Fagottisten kennt, bieten, ist klanglich vom Feinsten, hat Schwung und ist insgesamt so überraschend wie überzeugend. (AC)

(Sax Orchester, in: Concerti - Das Berliner Musikleben, Ausgabe Mai 2010, S. 45)


Russland, Frankreich, Böhmen und die Neue Welt: Was  für eine phantastische Reise... Unter der renommierten Leitung von Milan Turkovic präsentieren die zwölf Solisten von „Selmer Saxharmonic“ erstmals diese faszinierenden Instrumentenfamilie in sinfonischer Dimension des Saxophon1Klangs.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts von Adolphe Sax erf unden, um im Orchester die Klanglücke zwischen Holz1 und Blechbläsern zu schließen, entwickelte sich das Saxophon auf zwei Pfaden. In der Jazz und Unterhaltungsmusik ist der rauchige, kernig melancholische Klang kaum mehr wegzudenken, daneben hat sich gerade in den vergangenen Jahren über eine grundierte Hochschulausbildung eine hervorragende klassische Szene gebildet. Daß Sopranino, Sopran, Alt, Tenor, Bariton bis zum gewichtigen Bass1Saxophon eine große Klangpalette mit riesigen dynamischen Möglichkeiten darstellen, mag dabei weniger überraschen, als die hochexpressive quirlige Virtuosität, die diesen Instrumenten hier entlockt wird.

Alle Arrangements, darunter Dvoraks Slawische Tänze, Milhauds „Scaramouche“ und Schostakowitschs „Jazz'Suiten“, scheinen den Saxophonisten unmittelbar auf den Leib komponiert worden zu sein. Dazu noch ein gelungener Ausflug in Gershwins Jazz Welt und als besonderer Höhepunkt der „Devil’s Rag“ von Jean Matitia: Hier machen höchste Virtuosität, aber auch Geschmeidigkeit in der Tonge bung bis hin zu  avangardistisch getupften Artikulationen das Zuhören zu einem wahren Vergnügen. Es ist sicher auch der Begeisterung des Bläserspezialisten Milan Turkovic zu verdanken, dass sich zwölf gefragte Solisten, internationale Preisträger, Mitglieder der längst im Konzertleben etablierten Ensembles panta rhei, clair1obscur, Alliage und Sax Allemande regelmäßig in großer Besetzung zusammen finden und als „Selmer Saxharmonic“ tatsächlich eine neue Dimension des Saxophon1Klangs zu kreieren. Fazit: Audiophil. Für alle Freunde feinster Bläserkammermusik eine Super Audio CD mit allerhöchstem Suchtpotential. Lisa Eranos

(“Flying Saxophone Circus - mit Selmer Saxharmonic auf symphonischen Pfaden rund um die Welt" in: CLASS:aktuell, Heft2/2010)


Manch einer mag es unerhört finden, Antonin Dvoáks Slawische Tänze und Darius Milhauds Scaramouche für ein zwölfköpfiges Saxofonensemble zu bearbeiten. Dmitri Schostakowitschs Jazzsuite Nr. 2 bietet sich da schon eher an, ist sie doch geschrieben für Jazzorchester, obgleich es sich eher um Tanzmusik und weniger um Jazz handelt. Und dann noch dieser CD1Titel: Flying Saxophone Circus. Gewöhnungsbedürftig ist das allemal; aber unerhört? 

Das 2006 von dem Baritonsaxofonisten Thomas Tomaschek gegründete, aus namhaften Saxofonisten der Klassik1Szene bestehende und von dem international renommierten Fagott1Solisten Milan Turkovic geleitete Ensemble Selmer Saxharmonic fördert vielmehr Ungehörtes, zwischen den Zeilen Stehendes zutage, was den Charakter der Stücke beinahe überzeugender einfängt, als es den jeweiligen Werken in ihrer Originalgestalt möglich ist. Dies gelingt ob der schier unendlichen Klangfarbenvielfalt, die die Sopranino-, Sopran-, Alt-, Tenor-, Bariton- und Bass-Saxofone auf betörende bis kraftvolle Weise verströmen. Dazu treffen die Arrangements aus der Feder des Ensemblemitglieds Christoph Enzel auch noch genau den richtigen Ton. Gelegentlich meint man, die gesamte Holz1 und Blechbläserfamilie zu hören, ja sogar (tiefe) Streichinstrumente. Mal klingt Selmer Saxharmonic nach einem großen sinfonischen Blasorchester, mal nach einer Marching Band, dann nach einer Tanz1, Zirkus1 oder Volksmusikkapelle.

Wie ein mächtiger Orgelakkord mutet der Beginn des ersten Slawischen Tanzes op. 46 an und öffnet einem großen Portal gleich den Blick – auch in den Tänzen Nr. 7 (Skocna) und Nr. 8 (Furiant) der gleichen Sammlung – für überschäumendes Temperament und elegische Momente, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Spätestens jetzt müsste eigentlich jeder Zweifler seine Voreingenommenheit gegenüber diesen Bearbeitungen abgelegt haben, denn die enorme Ausdrucksfülle, erfrischende Virtuosität, die pulsierende rhythmische Gestaltung, das präzise artikulierende Zusammenspiel und die faszinierende Klanglichkeit von Selmer Saxharmonic sind einfach bezwingend. Auch in Darius Milhauds vor Kraft und Lebensfreude strotzendem Scaramouche, dessen grotesken wie charmanten und sentimentalen Zügen inmitten von Ragtime1 und Sambaanleihen das Ensemble jederzeit gerecht wird. Wie die Musik, so dann auch das Saxofonarrangement von Schostakowitschs Jazzsuite Nr. 2: voller Brillanz und geistreichem Witz, wobei mich vor allem die Präzision, aber auch die Eleganz und Inbrunst faszinieren, mit denen besonders die Walzer formuliert werden. Bis hierher könnte man fast den Eindruck gewinnen, als hätten all diese Werke geradezu auf eine Bearbeitung für 12 Saxofone gewartet. Ausgerechnet die Arrangements einiger Gershwin1Songs – das schmissige I Got Rhythm ausgenommen –, von einer Musik also, die wie für ein Saxofonensemble geschaffen erscheint, empfinde ich aber als zu glatt. Dafür hat der zündende und pointenreiche Devil's Rag von Jean Matitia richtig Feuer unterm Hintern und belegt damit nicht nur die spielerische Klasse von Selmer Saxharmonic, sondern auch die Vertrautheit der Instrumentalisten mit den unterschiedlichen musikalischen Stilen

(Christof Jetzschke in: Klassik heute, CD-Besprechung vom 20.4.2010 - http://www.klassik-heute.com/4daction/www_medien_einzeln?id=19654)


Darf ein hohes Saxophon klingen und klagen wie Bess in ihrem Lullabay „Summertime“ aus GERSHWINS Porgy & Bess? Dürfen vier hohe Saxophone klingen wie eine Streicherformation, die in höchsten fingertechnisch heiklen Lagen zirpt, kreischt und girrt, wenn sie SCHOSTAKOWITSCHS „Little Polka“ aus seiner zweiten Jazz-Suite spielt? Dürfen zwölf Saxophone vom Sopranino- bis zum Baß-Instrument klingen wie ein ganzes Sinfonieorchester mit Streichern, Bläsern und allem anderen drinnen und drumherum, wenn es einem die „Marcia“ aus dieser SCHOSTAKOWITSCH-Suite wie einen veritablen Zirkusmarsch in die Ohren schmettert oder drei Minuten lang das „Vif“ aus MILHAUDS Scaramouche wie ein Feuerwerk am Hexensabbat abbrennt? Wer so fragt, darf sich diese Silberscheibe aus dem Haus Dabringhaus & Grimm nicht auf seinen Mehrkanal-Player legen – mindestens SACD1fähig, besser noch in der imposanten 2+2+2-Anordnung, die MDG bewundernswert hartnäckig immer noch fertigt – und den Volumeknopf so weit wie möglich aufdrehen! Dem faszinierten Hörer ist nämlich nach zehn Sekunden die Antwort nicht mehr wichtig: er kann nicht anders als sich berauschen an einer unerwarteten Klang1 und Klangfarbenfülle, an der kaum glaublichen Virtuosität einer Zwölfermannschaft, die sich geriert wie eine einziges großes fast orgelähnliches Blasinstrument, das in allen seinen Stimmungsregistern – vom herzergreifenden Klagen bis zum aberwitzig dahinrasenden Girlandenwerk – mitreißend dynamisch und technisch und in höchster Prägnanz alles gestaltet, was an Ohrwürmern das Ensemblemitglied Christoph ENZEL bei SCHOSTAKOWITSCH, DVOŘAK und MILHAUD und andere geschickte Arrangeure für die Bläser hier aufbereitet haben. Die Instrumentalisten, von denen die meisten schon länger Mitglieder in renommierten Saxophon1Ensembles wie „panta rhei“, „clair1obscur“, „Alliage“ oder „Sax Allemande“ sind, spielen hier auch noch auf zwölf Saxophonen desselben bekannten Instrumentenbauers, dessen Namen sie in die Bezeichnung ihres einmaligen Ensembles aufgenommen haben! Mehrfaches Abspielen führt zu immer neuen Detailerkenntnissen: mit den wohlbekannten Originalen im Ohr entdeckt der Kenner Köstliches und Schmeichelhaftes in einer erstaunlichen Breite des Repertoires: zwischen drei geschickt ausgewählten markanten slawischen DVOŘAK1Tänzen – darunter zwei wahrhaftigen Feuerwerk-Furiants – und bekannten GERSHWIN1Schlagern (neben „Summertime“ noch „The Man I Love“; „Liza“, „Let’s Call The Whole Thing Off“ und „I Got Rhythm“) tummelt sich Pikantes von SCHOSTAKOWITSCH und MILHAUD, das in üppig saxophonisiertem Klanggewand als Ohrwurm1Deklamation einer Zirkuskapelle faszinierend daherkommt, weshalb – nicht nur im originell märchenerzählenden Beihefttext – das ganze Programm
des Silberlings als „Flying Saxophone Circus“ apostrophiert wird, der mit Jean MATITIAS „Devil’s Rag für zwölf Saxophone“ dann als Rausschmeißer auch wie eine echte Zirkusmusik endet. Fast fünfzig Jahre lang rezensiere 
ich nun eine überreiche Fülle herrlichster Musik aus allen Epochen in unendlich vielen Formen und Formationen, begegne Bekanntem in immer neuen Kostümen und bin immer wieder aufs neue fasziniert, wenn mich Vertrautes
in neuer Verkleidung so mitzureißen versteht, wie es hier mit den Selmer Saxharmonics geschieht, denen Milan TURKOVIC – auch er begleitet mich schon seit Jahrzehnten als begeisternder Fagottist, dem hohes Lob zu zollen ich oft Gelegenheit hatte – einen solchen Schwung, eine derartige Spielpräzision zu vermitteln verstand, das dies allein schon alles Fragen verstummen läßt. Hoch lebe also das 1840 von Adolphe Sax erfundene und am 28. Juni 1846 in Frankreich patentierte neue Instrument: das Saxophon, vor allem in dieser Zwölferpotenz! 

(Diether Steppuhn: "Saxophon-Potenz zu zwölft", in: Rohrblatt Nr. 25, Heft 2/2010)

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